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SYMCRAFT Blog

Textilabfall neu denken: Nicole Kudla über Flechtkunst, Materialintuition und die Form, die aus dem Rest entsteht

Im Rahmen des SYMCRAFT-Projekts steht die Frage im Mittelpunkt, wie industrielle Reststoffe nicht als Abfall, sondern als wertvolle Ressource für handwerkliche und gestalterische Prozesse verstanden werden können. Besonders im Textilbereich eröffnet dieser Perspektivwechsel neue Möglichkeiten: Materialien, die in Produktionsprozessen übrigbleiben, können Ausgangspunkt für neue Formen, Objekte, Prototypen und kreative Experimente werden.

Ein besonders spannender Zugang dazu zeigt sich im Kurs „Finde die Form durchs Material – Experimentelle Gestaltung mit textilen Reststoffen“, den die Künstlerin und Flechterin Nicole Kudla im Juli im Textilen Zentrum Haslach leitet. Der Kurs ist Teil des Sommersymposiums Textile Kultur Haslach 2026 unter dem Schwerpunkt „Textilabfall neu denken“ und lädt dazu ein, textile Reststoffe nicht nach einem vorgefertigten Plan zu verarbeiten, sondern sich vom Material selbst leiten zu lassen.

Nicole Kudla lebt und arbeitet im Mühlviertel. Zum Flechten kam sie über Kurse in Haslach und Tirol – dort, erzählt sie, habe sich für sie „eine Welt aufgetan“: die Welt der unterschiedlichen Flechttechniken, Materialien und handwerklichen Möglichkeiten. Seither beschäftigt sie sich intensiv mit alten Techniken, ungewöhnlichen Fundstücken und Materialien, die oft erst auf den zweiten Blick ihr Potenzial zeigen.

„Bei mir ist es so, ich hole und krame gerne diese alten Techniken heraus und setze sie in das jetzt um.“

Im Gespräch wird deutlich, dass Nicole Kudla Materialien sehr unmittelbar wahrnimmt. Farbe, Haptik, Textur und Form spielen eine zentrale Rolle. Sie arbeitet nicht nur mit klassischen Flechtmaterialien wie Weide, sondern auch mit Papier, Draht, Pflanzenfasern, Brennnesseln, Webkanten oder textilen Reststoffen. Gerade das Unfertige, Zufällige und scheinbar Unbrauchbare interessiert sie. 

Ich liebe es, Materialien in einem Altstoffsammelzentrum, die mich irgendwie ansprechen, durch Form, durch Haptik, durch Farbe, sie umzusetzen, von diesem klassischen Korbflechten mit Weide, was auch etwas hat, aber auch dieses Experimentieren, was denn möglich ist. Wie weit kann ich gehen mit diesem Material, das ich gerade entdeckt habe? Sei es jetzt Draht oder eine Webkante.“, sagt sie im Interview.

Der Kurstitel „Finde die Form durchs Material“ beschreibt genau diese Arbeitsweise. Nicht die fertige Idee steht am Anfang, sondern das Material. Die Teilnehmenden sollen ausprobieren, spielen, beobachten und sich auf ungewohnte Werkstoffe einlassen. Dabei geht es nicht zwingend darum, ein klar definiertes Nutzobjekt herzustellen. Vielmehr kann eine Form, ein Objekt, ein Korbunikat oder eine freie künstlerische Arbeit entstehen – je nachdem, was das Material zulässt und was sich im Prozess entwickelt.

Dieser Zugang passt besonders gut zum SYMCRAFT-Gedanken: Reststoffe werden nicht nur als technische Ressource betrachtet, sondern auch als Ausgangspunkt für neue Formen der Zusammenarbeit zwischen Industrie, Handwerk und Gestaltung. Im Kurs wird sichtbar, wie aus textilen Resten neue Wertschätzung entstehen kann – nicht nur durch Produktentwicklung, sondern auch durch einen veränderten Blick auf Material, Kreislaufwirtschaft und handwerkliche Prozesse.

Für Nicole Kudla ist dieser Blick auch eine persönliche Haltung. Sie beschreibt, dass sie ungern neues Material kauft, sondern lieber mit dem arbeitet, was bereits vorhanden ist. Textilabfälle, Webkanten oder Stoffreste werden dadurch nicht als Mangel wahrgenommen, sondern als Einladung: Was lässt sich daraus gewinnen? Wie verhält sich das Material? Wo entstehen Widerstände, wo Möglichkeiten?

Gerade diese Offenheit möchte sie auch an die Kursteilnehmer:innen weitergeben. Sie sollen Materialien mitbringen oder entdecken, die sie ansprechen – unabhängig davon, ob bereits klar ist, was daraus entstehen soll. Ein zentraler Gedanke des Kurses ist daher, sich vom Anspruch zu lösen, dass jedes Ergebnis sofort brauchbar oder zweckmäßig sein muss. „Vieles kann entstehen, wenn man sich einfach ein Experimentieren hingeben kann“, bringt Nicole Kudla diesen Zugang auf den Punkt.

Der Kurs „Finde die Form durchs Material“ findet von 21. bis 24. Juli 2026 im Textilen Zentrum Haslach statt. Er richtet sich an alle, die neugierig sind, Freude am Experimentieren haben und das Material als Partner im Gestaltungsprozess begreifen möchten. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich – gefragt sind Offenheit, Neugier und die Bereitschaft, sich auf unkonventionelle Materialien einzulassen. Der Kurs ist bereits ausgebucht, macht aber eindrucksvoll sichtbar, wie aktuell und inspirierend das Thema „Textilabfall neu denken“ für Handwerk, Gestaltung und Kreislaufwirtschaft ist.

https://www.textilkurse.at/sommersymposium

https://www.textilkurse.at/finde-die-form-durchs-material-experimentelle-gestaltung-mit-textilen-reststoffen

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