
Der Windmühlenknoten: Traditionelle Technik, experimentelle Materialforschung und neue Perspektiven für Reststoffe
Im Rahmen von SYMCRAFT sprach das IAGF mit der Textildesignerin Magdalena Orland über ihre Arbeit, den kreativen Umgang mit Materialien und ihren Sommer-Kurs „Der Windmühlenknoten“ im Textilen Zentrum Haslach.

Im Mittelpunkt des Gesprächs stand eine textile Technik, die auf den ersten Blick einfach wirkt, bei genauerer Betrachtung jedoch großes gestalterisches und materiales Potenzial eröffnet: der Windmühlenknoten. Magdalena Orland beschäftigt sich in ihrer künstlerisch-gestalterischen Praxis intensiv mit traditionellen Handarbeitstechniken, experimentellen Materialuntersuchungen und deren zeitgenössischer Weiterentwicklung.
Ihre Ausbildung führte sie zunächst an die Fakultät für Angewandte Kunst in Schneeberg der Westsächsischen Hochschule Zwickau, wo handwerkliche Techniken wie Weben, Färben, Sticken und sogar Klöppeln im Vordergrund standen. Anschließend vertiefte sie an der Burg Giebichenstein der Kunsthochschule Halle im Masterstudium Conceptual Textile Design ihren experimentellen und konzeptionellen Zugang. Gerade diese Verbindung aus handwerklicher Präzision und freiem Experimentieren prägt bis heute ihre Arbeit.
„Die Basis meiner Arbeit sind auf jeden Fall Materialexperimente und die Beschäftigung mit traditionellen Techniken, die ich total interessant finde und auch gerne lerne und dann im nächsten Schritt aber auch gerne weiterdenke“, beschreibt Orland ihren Zugang.

Eine Technik mit vielen Möglichkeiten
Auf den Windmühlenknoten wurde Magdalena Orland im Zuge eines Projekts zu Naturmaterialien und Flechttechniken aufmerksam. Besonders reizvoll war für sie, dass es zu dieser Technik vergleichsweise wenig dokumentiertes Wissen, kaum Anleitungen und nur wenige historische Informationen gibt. Genau darin lag für sie der Ausgangspunkt: die Technik zu erforschen, zu verstehen und anschließend gestalterisch weiterzudenken.
Der Windmühlenknoten unterscheidet sich von klassischen Flechttechniken dadurch, dass das Material nicht nur verwoben, sondern in größere Schlingen gelegt wird, die dann wieder miteinander verbunden werden. Dadurch entstehen mehrlagige, stabile Strukturen. Diese können flächig eingesetzt, aber auch dreidimensional weiterentwickelt werden – etwa zu Körben, Gefäßen oder experimentellen Materialproben.
Im Kurs geht es daher nicht nur darum, ein fertiges Objekt herzustellen. Vielmehr steht die spielerische Erkundung der Technik im Vordergrund: Wie verhält sich das Material? Welche Formen entstehen? Wo lassen sich Flächen verbinden oder räumlich weiterentwickeln?

Reststoffe als Ausgangspunkt für Gestaltung
Ein besonderer Bezug zu SYMCRAFT ergibt sich aus der Materialfrage. Für den Windmühlenknoten eignen sich flache Bänder, die flexibel, aber zugleich stabil genug sind, um die Struktur zu halten. Neben Papierstreifen, Gurtbändern oder dünnen Lederriemen können auch Verpackungsreste, Tetrapackstreifen oder Kunststoff-Umreifungsbänder verwendet werden.
Gerade diese Umreifungsbänder, die häufig als Verpackungsabfall anfallen, bieten laut Orland ein großes Potenzial. Sie sind stabil, widerstandsfähig und können durch die Technik des Windmühlenknotens in robuste Körbe oder andere Gefäße verwandelt werden. Damit wird ein Material, das sonst entsorgt würde, in einen neuen Nutzungskontext überführt.
Im Gespräch betonte Orland, dass sich der Gestaltungsprozess verändert, wenn nicht ein bewusst ausgewähltes neues Material, sondern ein vorhandener Reststoff verarbeitet wird. In diesem Fall gibt das Material selbst neue Möglichkeiten vor:
„Und sobald ich aber ein Material nehme, was mir in die Hände fällt, weil es vielleicht ein Abfall ist oder weil ich das mir vielleicht gar nicht aktiv rausgesucht habe, sondern mir es einfach zugespielt wird, dann ist eher das Material der Akteur oder die Akteurin und sagt mir, das bringe ich mit und du kannst jetzt ausprobieren, was mit mir zu machen ist.“
Damit beschreibt sie einen Zugang, der auch für SYMCRAFT zentral ist: Reststoffe werden nicht nur als Abfall betrachtet, sondern als Ausgangspunkt für neue Produkte, neue Formen der Zusammenarbeit und neue Wertschöpfungsketten.

Bezug zu SYMCRAFT
SYMCRAFT untersucht, wie industrielle Reststoffe durch die Zusammenarbeit von Industrie, Handwerk und kreativen Akteur in neue Nutzungen überführt werden können. Der Windmühlenknoten zeigt beispielhaft, wie traditionelles handwerkliches Wissen, Materialverständnis und experimentelles Design zusammenwirken können.
Der Kurs macht sichtbar, dass Kreislaufwirtschaft nicht nur eine technische oder organisatorische Aufgabe ist. Sie braucht auch Menschen, die Materialien genau beobachten, ihre Eigenschaften verstehen und bereit sind, neue Anwendungen zu entwickeln. Gerade im Zusammenspiel von Handwerk, Gestaltung und Materialexperiment können so praxisnahe Ansätze entstehen, die industrielle Reststoffe in neue Produkte oder Objekte überführen.
Kurs im Textilen Zentrum Haslach
Der Kurs „Der Windmühlenknoten – Experimentelle Erkundung der Technik & Entwicklung eigener Körbe“ findet von Montag, 20. Juli, bis Freitag, 24. Juli 2026 im Textilen Zentrum Haslach statt. Er richtet sich an alle Interessierten ab 14 Jahren. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich; Freude am Arbeiten mit den Händen und etwas Geduld sind jedoch hilfreich.
Zu Beginn wird die Systematik des Windmühlenknotens mit verschiedenfarbigen Papierstreifen erprobt. Anschließend werden Möglichkeiten gezeigt, Flächen weiterzuentwickeln und dreidimensional zu verbinden. Die Teilnehmenden können einen eigenen Korb anstreben oder verschiedene Flächen und Proben für eigene Projekte entwickeln.
Der Kurs ist Teil des Sommersymposiums Textile Kultur Haslach 2026 unter dem Motto „Textilabfall neu denken“.
Weitere Informationen und Anmeldung:
https://www.textilkurse.at/der-windmuehlenknoten/