Old Virtues im Jubiläumsjahr: Warum alte Arbeitstugenden Zukunft haben
Am 18. Juni 2026 feierte das Institut für angewandte Gewerbeforschung im Rahmen der Veranstaltung „Gewerbe & Handwerk im Dialog“, sein 10-jähriges Bestehen in der Christoph Leitl Lounge der Wirtschaftskammer Österreich. Rund 150 Gäste aus Handwerk, Industrie, Ministerien, Universitäten, Fachorganisationen und Partnerinstitutionen kamen zusammen, um auf zehn Jahre angewandte Gewerbeforschung zurückzublicken.

Für das Projekt Old Virtues / LV4WW war dieser Abend mehr als ein Jubiläum. Er zeigte, worum es im Kern des Projekts geht: Werte, Haltung und Erfahrungswissen im Handwerk sichtbar zu machen – nicht nostalgisch, sondern als Ressource für die Arbeitswelt von morgen.
Alte Tugenden, neue Arbeitswelt
Old Virtues beschäftigt sich mit der Frage, welche Bedeutung traditionelle Arbeitstugenden in einer Welt haben, die von Digitalisierung, Fachkräftemangel, Generationenwandel und neuen Erwartungen an Arbeit geprägt ist. Es geht um Werte wie Verlässlichkeit, Genauigkeit, Verantwortungsbewusstsein, Respekt, Kollegialität, Motivation und Qualitätsbewusstsein.
Diese Tugenden sind im Handwerk nie abstrakt gewesen. Sie werden nicht nur erklärt, sondern vorgelebt: im Betrieb, in der Ausbildung, im Umgang mit Kunden, im sorgfältigen Arbeiten mit Material und im Weitergeben von Wissen zwischen den Generationen.
Genau diese Perspektive zog sich auch durch den Jubiläumsabend. Prof. Dr. Reinhard Kainz brachte es in seiner Rede auf den Punkt: „Das Gewerbe und Handwerk ist nicht nur der wichtigste Wirtschaftsfaktor in den Regionen, sondern auch eine Wertegemeinschaft.“ Dieser Satz könnte auch als Leitsatz über Old Virtues stehen.

Warum Old Virtues gerade jetzt wichtig ist
Die Festschrift zum 10-jährigen Jubiläum des IAGF beschreibt Handwerk als lebendiges Kulturerbe, das nur dann weiterbestehen kann, wenn es wirtschaftlich tragfähig bleibt. Besonders prägnant heißt es dort: „Traditionelles Handwerk kann nur als lebendiges immaterielles Kulturerbe bestehen, wenn es wirtschaftlich tragfähig ist.“
Genau an dieser Schnittstelle setzt Old Virtues an. Das Projekt fragt nicht nur: Welche Werte prägen das Handwerk? Sondern auch: Wie können diese Werte unter heutigen Bedingungen weitergegeben werden? Wie passen traditionelle Arbeitshaltungen zu New Work, digitaler Kommunikation und den Erwartungen junger Menschen? Und wie können Betriebe diese Tugenden bewusst nutzen, ohne dabei in überholte Muster zurückzufallen?
Old Virtues zeigt: Alte Tugenden sind kein Gegensatz zu moderner Arbeit. Richtig verstanden, können sie Orientierung geben – gerade in einer Zeit, in der vieles schneller, digitaler und unsicherer wird.

Gen Z, Digitalisierung und das Bedürfnis nach Wirksamkeit
Ein zentraler Impuls des Jubiläumsabends kam vom Psychologen und Generationenforscher Dr. Rüdiger Maas. Er sprach über die veränderten Erfahrungsräume junger Menschen und darüber, welche Rolle das Handwerk in einer zunehmend digitalen Welt spielen kann.
Sein Satz „Handwerk verbindet Kopf, Körper und Welt“ bringt eine zentrale Erkenntnis von Old Virtues auf den Punkt. Junge Menschen suchen Sinn, Authentizität, Rückmeldung und Beteiligung. Gleichzeitig brauchen sie klare Strukturen, persönliche Begleitung und das Gefühl, mit der eigenen Arbeit etwas bewirken zu können.
Hier liegt eine große Chance des Handwerks. Denn handwerkliche Arbeit macht Leistung sichtbar. Man sieht, was man geschaffen hat. Man erlebt Qualität nicht nur als Kennzahl, sondern als Ergebnis von Können, Sorgfalt und Verantwortung. Old Virtues untersucht genau diese Verbindung: Wie können Betriebe traditionelle Tugenden so übersetzen, dass sie für junge Menschen attraktiv und verständlich werden?

Ausblick: Tradition als Zukunftskompetenz
Old Virtues macht sichtbar, dass die Zukunft der Arbeit im Handwerk nicht dort entsteht, wo alte Werte aufgegeben werden. Sie entsteht dort, wo diese Werte bewusst, zeitgemäß und menschenorientiert weitergeführt werden.
Oder anders gesagt: Die „alten Tugenden“ sind nicht alt. Sie sind ein Zukunftsfundament.
Zum Download der Festschrift zum 10-jährigen Jubiläum des Instituts für angewandte Gewerbeforschung