Informelle Bildungsleistungen sichtbar machen: Studie zur Lehrlingsausbildung vorgestellt
Am 29. Jänner 2026 wurde beim Bundesspartenkongress der Sparte Gewerbe und Handwerk in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ) eine neue Studie zur Lehrlingsausbildung präsentiert. Im Rahmen eines Fachvortrags stellten DI Heidrun Bichler-Ripfel, Leiterin des Instituts für angewandte Gewerbeforschung, und Mag. Ulrike Sangeorzan-Sporer, stellvertretende Abteilungsleiterin der Abteilung für Bildungspolitik, zentrale Ergebnisse vor und verknüpften diese mit aktuellen Erkenntnissen aus dem Forschungsprojekt „Old Virtues, New Work“.

Das „Hidden Curriculum“ der dualen Ausbildung – und die Wiederentdeckung alter Arbeitstugenden
Unter dem Titel „Erhebung von nichtmonetären, informellen Leistungen der Unternehmen als Bildungsträger in der Lehrlingsausbildung“ beleuchtet die Studie einen oft übersehenen, aber wesentlichen Aspekt der dualen Berufsausbildung in Österreich: das sogenannte Hidden Curriculum. Neben Fachwissen und formalen Qualifikationen erwerben Lehrlinge im betrieblichen Alltag soziale und personale Kompetenzen – von Verantwortungsbewusstsein über Verlässlichkeit bis hin zu Teamfähigkeit und Eigeninitiative.
Diese Werte sind jedoch nicht nur implizite Lerninhalte, sondern spiegeln zugleich jene „alten Arbeitstugenden“ wider, die im Projekt „Old Virtues, New Work“ systematisch untersucht wurden. Dort wird gezeigt, dass traditionelle Tugenden wie Pflichtbewusstsein, Genauigkeit, Respekt und Leistungsbereitschaft nach wie vor eine zentrale Rolle für den Erfolg in Handwerk und Gewerbe spielen und im Arbeitsalltag weitergegeben werden.
Gerade in der dualen Ausbildung werden diese Werte nicht theoretisch vermittelt, sondern im täglichen Miteinander gelebt – als gelebte Unternehmenskultur und als Teil beruflicher Sozialisation.

Ausbildungsbetriebe als zentrale Bildungsträger und Wertevermittler
Die präsentierte Studie rückt die Ausbildungsbetriebe als eigenständige Bildungsträger stärker ins Blickfeld. Sie zeigt, dass Unternehmen weit mehr leisten als die reine fachliche Qualifizierung: Sie schaffen Lernräume, geben Orientierung, vermitteln Arbeitshaltungen und fördern soziale Kompetenzen.
Das „Old Virtues“-Projekt unterstreicht diese Rolle zusätzlich: Kleine und mittlere Betriebe im Gewerbe und Handwerk fungieren als zentrale Orte der Wertevermittlung und sind entscheidend für die Weitergabe traditioneller Arbeitskultur in einer sich wandelnden Arbeitswelt. Gleichzeitig zeigen die Ergebnisse, dass diese Tugenden keineswegs im Widerspruch zu modernen Arbeitsformen stehen, sondern mit „New Work“-Ansätzen kompatibel sind, wenn sie durch geeignete organisatorische, wirtschaftliche und kulturelle Rahmenbedingungen unterstützt werden.

Generation Z zwischen neuen Erwartungen und klassischen Werten
Ein besonderer Fokus des Projekts liegt auf der Generation Z, die aktuell in die Lehrlingsausbildung eintritt. Diese Generation ist digital geprägt, erwartet transparente Kommunikation, sinnvolle Aufgaben und regelmäßiges Feedback – gleichzeitig zeigt die Forschung, dass klassische Tugenden wie Verlässlichkeit, klare Aufgabenstrukturen und persönliche Betreuung für ihren Ausbildungserfolg besonders wichtig sind.
Damit wird deutlich: Das Hidden Curriculum und die traditionellen Arbeitstugenden bilden eine wichtige Brücke zwischen den Erwartungen junger Menschen und den Anforderungen der Arbeitswelt.
Impulse für Bildungspolitik und Praxis
Die Studie leistet gemeinsam mit den derzeitigen Erkenntnissen aus dem „Old Virtues“-Projekt einen wichtigen Beitrag zur Weiterentwicklung der bildungspolitischen Diskussion. Sie macht sichtbar, dass die duale Ausbildung weit mehr ist als Wissensvermittlung – sie ist ein zentraler Ort der Persönlichkeitsbildung, Wertevermittlung und beruflichen Sozialisation.
Die Anerkennung dieser informellen, nichtmonetären Leistungen von Ausbildungsbetrieben ist entscheidend, um den tatsächlichen Wert der dualen Ausbildung ganzheitlich zu erfassen. Gleichzeitig zeigen die Forschungsergebnisse, dass traditionelle Arbeitstugenden nicht nur bewahrt, sondern aktiv in moderne Arbeitskonzepte integriert werden sollten.





